Elias Wittwer: Net Delusion Wird die Macht des Internet überschätzt?

Artikel-Nr.: 978-3-905814-30-9
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Nach den iranischen Präsidentschaftswahlen im Sommer 2009, warf die Opposition dem Amtsinhaber Mahmud Ahmadinejad systematischen Wahlbetrug vor. In der Folge strömten tausende von Menschen während Wochen auf die Strassen und demonstrierten gegen das Resultat der Wahlen und für einen Wechsel der Politik im Iran. Zwei Jahre später wiederholten sich diese Szenen, doch dieses Mal waren die Schauplätze nicht die Strassen von Teheran, sondern die Strassen von Tunis und Kairo. Das tunesische und ägyptische Volk hatte im Frühjahr 2011 genug von der Unterdrückung durch die autoritären Regimes und die ungleichmässige Verteilung des Reichtums in ihren Ländern. Diesen Frust trugen sie auf die Strassen und Plätze ihrer Länder und protestierten friedlich gegen die Regierungen.

Bei all diesen Demonstrationen und Unruhen konnten in vielen Zeitungen gelesen werden, dass Social Media Plattformen, wie der Kurznachrichtendienst Twitter und das soziale Netzwerk Facebook, einen grossen Einfluss auf die Protestbewegungen hatten. Im Fernsehen wurden verwackelte Handy-Videos von der Internet-Videoplattform YouTube als Beweise für die blutigen Reaktionen der involvierten Regierungen gezeigt und viele Journalisten waren sogar der Meinung, dass eine friedliche Revolution wie in Tunesien und Ägypten ohne Facebook, Twitter, YouTube und dergleichen gar nie möglich gewesen wäre.

Viele Beobachter stellten sich die Frage, kann es denn wirklich sein, dass das Internet, und insbesondere Social Media Plattformen, einer Protestbewegung zum Erfolg verhelfen können? Kann diesen Plattformen vertraut werden oder können diese auch von gewissen Personen, Parteien oder anderen Gruppierungen für eigene Zwecke missbraucht werden? Genau diese Fragen versucht diese EMBA-Thesis zu beantworten.

Evgeny Morozov hat in seinem 2010 veröffentlichten Buch ‚The Net Delusion’ ebenfalls nach Antworten auf diese Fragen gesucht und beschreibt darin, welchen Einfluss das Internet und andere moderne Technologien auf den sozialen und politischen Wandel haben können. Er widerspricht aber der, in den Medien häufig geäusserten Meinung, dass das Internet für die Revolutionen in der arabischen Welt verantwortlich ist. Seiner Meinung nach können Technologien auch von den autoritären Regimes gegen den Frieden eingesetzt werden und können deshalb nicht zwingend als gutartig betrachtet werden.

Die vorliegende EMBA-Thesis untersuchte anhand einer Literatur Analyse des Buches ‚The Net Delusion’ den Einfluss von Technologien auf den sozialen und politischen Wandel. Ebenfalls wurden die, von Morozov verwendeten, Begriffe ‚Cyper-Utopismus’ und ‚Slacktivismus’ näher beschrieben und untersucht. Im zweiten Teil dieser Thesis wurden anhand von aktuellen Beispielen aus der Welt-Politik und der Wirtschaft die untersuchten Thesen von Morozov mit anderen, verbreiteten Theorien kritisch verglichen und aktualisiert.

Die Ergebnisse der Literatur Analyse zeigen auf, dass das Internet als kostengünstiges Kommunikationsmittel verwendet werden kann und das Internet hilft Informationskaskaden zu verstärken. Die Menschen benötigten aber genügend Freiheiten, um sich offen austauschen und Gruppen bilden zu können. Eine wichtige Feststellung dieser Analyse ist das sogenannte ‚Dictators Dilemma’, welches Staaten vor die Grundsatzfrage stellt, ob sie Zensur und Kontrolle über eine Technologie ausüben sollen, und dadurch eine mögliche Schädigung der Wirtschaftskraft im eigenen Land akzeptieren müssen. Das ‚Dictators Dilemma’ tauchte auch in den Praxis-Beispielen im zweiten Teil dieser Thesis immer wieder auf. In einigen Staaten

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wurde das ‚Dictators Dilemma’ auch zum ‚Conservative Dilemma’, weil es für diese Staaten gar keine optimale Lösung für diese Herausforderung gibt. Die nebenstehende Grafik verdeutlicht dies und wird in der Thesis näher beschreiben. Ebenfalls konnte die Instrumentalisierung des

Internets für eigene Zwecke in vielen dokumentierten Fällen nachgewiesen werden. Auch die Art der Beziehungen und die Organisationsform auf Social Media Plattformen wurden untersucht und es konnte aufgezeigt werden, dass diese Plattformen auf losen Verbindungen (‚weak-ties’) basieren. Solche Verbindungen führen nur selten zu Aktionen mit hohem Risiko, weshalb Social Media Plattformen für strategische und disziplinierte Protestbewegungen nicht geeignet sein könnten. Wenn es aber um den freien Meinungsaustausch und eine effiziente Kommunikation geht, sind Social Media Plattformen das ideal Mittel. Die Untersuchung hat aber auch ergeben, dass ein Wandel ohne funktionierende Zivilgesellschaft nicht möglich ist.

Im zweiten Teil dieser Thesis wurden die Thesen von Morozov mit aktuellen Beispielen verglichen und aktualisiert. Der Einfluss des Internets auf die iranische und arabische Revolution wurde sehr detailliert untersucht. Im weiteren wurde die WikiLeaks-Affäre vom Winter 2010 im Zusammenhang mit der Netzneutralität und der Informationsfreiheit, sowie die Geschäftstätigkeiten von Goolge in China analysiert. In allen drei Untersuchungen musste festgestellt werden, dass das Internet von vielen Regierungen dieser Welt aktiv instrumentalisiert wurde. Im Iran und Ägypten wurde sogar der Internet-Datenverkehr für mehrere Tage komplett unterbrochen. Das, in der

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thesis ausführlich beschriebene, ‚Dictators Dilemma’ wurde von diesen Regierungen folglich ignoriert. Die nebenstehende Grafik verdeutlicht den Aufbau und die wichtigsten Ergebnisse dieser Thesis.

 

Die Untersuchung über den Einfluss des Internets, insbesondere von den Social Media Plattformen, auf die Protestbewegungen im Iran, Tunesien und Ägypten ergab, dass das die Plattformen sicher-


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lich dabei geholfen haben, die Proteste zu verbreiten und unter den Menschen Solidarität zu zeigen. Die Social Media Plattformen konnten den Menschen einen effizienten Kanal zur Verfügung stellen, um Informationen auszutauschen und um zu erfahren, was um sie herum geschah. Als Ursache für die erfolgreichen Proteste können diese Plattformen aber nicht bezeichnet werden. Die Proteste sind aus jahrzehntealtem Frust über die autokratische Herrschaft in den involvierten Ländern entstanden und wurden durch die Wirtschaftskrise noch verschärft.

Ohne das Internet wäre es nicht möglich gewesen, dass eine Enthüllungsplattform wie WikiLeaks tausende vertrauliche Dokumente der amerikanischen Regierung veröffentlichen könnte. Obwohl WikiLeaks von keinem Gericht verurteilt wurde, hatte die Non-Profit-Organisation mit massiven Angriffen und Einschränkungen zu kämpfen. Die, in dieser Thesis aufgezeigten, Reaktionen auf diese Affäre zeigen vor allem auf, wie fragil die Informationsfreiheit in der heutigen Zeit ist.

Abschliessend wurden in dieser Thesis noch die Geschäftstätigkeiten von Google in China untersucht. Insbesondere die Gründe für den Rückzug aus dem chinesischen Markt wurden detailliert analysiert und es konnte aufgezeigt werden, dass nicht nur menschenrechtliche Gründen für den Rückzug entscheidend waren, sondern dass wirtschaftliche Überlegungen für das Suchmaschinen-Unternehmen eine Rolle beim Entscheid zum Rückzug aus China gespielt haben müssen.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus den Untersuchungen dieser Thesis sind:

  • Das Internet, wie auch Social Media Plattformen, wird aktiv von Staaten und anderen Interessengruppen für eigene Zwecke instrumentalisiert. Deshalb kann das Internet nicht per se als gutartig und friedensfördernd bezeichnet werden.
  • Für einen erfolgreichen sozialen oder politischen Wandel ist es notwendig, dass dieser durch eine funktionierende Zivilgesellschaft durchgesetzt wird. Ohne eine solche Zivilgesellschaft ist kein Wandel möglich.
  • Social Media Plattformen können einer Protestbewegung behilflich sein, weil sie Möglichkeiten für eine effiziente Kommunikation bieten und die Gruppenbildung vereinfachen. 
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